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Warum ich keinen Muttertag feiere
Self-Care

Warum ich keinen Muttertag feiere

Warum ich keinen Muttertag feiere

Im Mai bekomme ich jedes Jahr Werbung für Blumen, die ich niemandem schicken werde. Algorithmen wissen mein Alter, mein Geschlecht, vermutlich meinen Browserverlauf um drei Uhr morgens, aber sie wissen nicht, dass meine Mutter und ich seit siebzehn Jahren nicht mehr miteinander sprechen. Sie schicken mir Pfingstrosen. Sie schicken mir Gutscheine für Brunch. Sie schicken mir die Erinnerung, dass ich etwas sein sollte, das ich nicht bin: jemand mit einer Mutter, die man feiert.


Meine Mutter hat mich nicht verlassen, indem sie ging. Sie ist geblieben, körperlich, jahrzehntelang, und hat mich von innen heraus allein gelassen. Es gibt Kinder, für die ihre Mütter ein Fenster sind, hinter dem ständig etwas tröstendes, wärmendes, goldenes erscheint. Bei mir ist nie jemand erschienen, oder ich war nie die Richtige. Ich habe lange gedacht, das alles sei meine Schuld, dass ich nur lauter, klüger, ruhiger, irgendwie anders eben sein müsste. Mit dreißig habe ich begriffen, dass es kein Schloss gab, zu dem ich der Schlüssel war. Es gab nur eine Tür, die nie aufging.


Vor siebzehn Jahren habe ich aufgehört, dagegen zu drücken. Ich habe die Beziehung zu meiner Mutter beendet, wie man einen Mietvertrag kündigt für eine Wohnung, in der man nie wirklich gewohnt hat. Es gab keine Szene. Es gab einen Anruf, dann Stille, dann, mit der Zeit, etwas, das ich nicht erwartet hatte: ein Leben.


Ich dachte lange, ich sei die Einzige. Das ist eines der zuverlässigsten Gefühle in dieser Geschichte, das Alleinsein in ihr. Bis ich auf die Studie des Cornell-Soziologen Karl Pillemer stieß, der für das Cornell Family Reconciliation Project über tausenddreihundert Erwachsene befragte und herausfand, dass siebenundzwanzig Prozent von ihnen mit einer familiären Entfremdung leben. Hochgerechnet auf die US-Bevölkerung, die Zentrum der Studie war, sind das rund achtundsechzig Millionen Menschen. Auch in Deutschland zeichnet die Wissenschaft ein ähnliches Bild. Die Langzeitstudie pairfam, die über zehn Jahre Familienbeziehungen begleitete, zeigt, dass sich rund neun Prozent der erwachsenen Kinder im Beobachtungszeitraum von ihrer Mutter entfremden und etwa zwanzig Prozent vom Vater. Die Dunkelziffern sind vermutlich höher. Das sind keine Randerscheinungen. Das ist eine stille Bevölkerung, größer als ganze Länder, die jedes Jahr im Mai durch die Drogerie geht und so tut, als suche sie nur Zahnpasta. 


Wir reden in dieser Kultur viel über die Heiligkeit der Mutterbindung und sehr wenig darüber, was passiert, wenn diese Bindung etwas in einem aufzehrt, das man eigentlich für das eigene Leben gebraucht hätte. Wir reden über Vergebung, als wäre sie eine Tugend, die man üben muss, wie Yoga. Niemand sagt einem, dass manche Menschen einfach nicht aufhören werden, einen zu verletzen, und dass man weggehen darf, ohne zuerst zu verstehen, warum.



Ich schreibe das nicht, um meine Mutter anzuklagen. Sie hatte ihre eigenen Mütter, ihre eigenen leeren Räume. Ich schreibe es für die Frau, die diesen Text liest und gerade überlegt, ob sie dieses Jahr wieder anrufen muss. Für den Mann, der jeden Sonntagabend nach dem Telefonat mit seinem Vater eine halbe Stunde am Küchentisch sitzt und nicht weiß, warum ihm so kalt ist. Für alle, die geblieben sind, aus Pflicht, aus Hoffnung, aus diesem feinen, zähen Faden, den man Liebe nennen soll, obwohl man ihn längst nicht mehr fühlt, sondern nur noch bemerkt, wie er einen schneidet.


Ihr dürft gehen. Ihr dürft die Karten ungeschrieben lassen, die Anrufe unbeantwortet, den zweiten Sonntag im Mai zu einem ganz normalen Sonntag machen. Ihr werdet nicht zu schlechten Menschen dadurch. Ihr werdet, vielleicht zum ersten Mal, zu euch selbst.


Ich kaufe mir an diesem Sonntag Pfingstrosen. Sie stehen auf meinem Tisch. Sie sind für die Frau, die ich geworden bin, weil ich aufgehört habe zu warten.

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