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Frauen leben länger – und werden medizinisch trotzdem schlechter versorgt. Warum Symptome oft bagatellisiert, Krankheiten zu spät erkannt und Frauenkörper bis heute nicht ausreichend mitgedacht werden, darüber sprechen Dr. med. Chressen Regier und Hanne Seidl von „Disco Östrogeni“.
Noch immer orientiert sich ein großer Teil der Medizin am männlichen Körper als Standard. Die Folge? Frauen warten länger auf Diagnosen, ihre Beschwerden werden häufiger psychologisiert und viele Erkrankungen verlaufen unerkannt oder werden zu spät behandelt. Ob Endometriose, Wechseljahre oder Herzinfarkt – wer als Frau medizinische Hilfe sucht, muss oft erst beweisen, dass die eigenen Schmerzen überhaupt real sind.
Das Problem ist strukturell. Jahrzehntelang wurden Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert, frauenspezifische Beschwerden als „normal“ abgetan und Gesundheitsthemen, die Millionen betreffen, gesellschaftlich tabuisiert. Gleichzeitig kümmern sich Frauen oft um die Gesundheit aller anderen – und stellen die eigene hinten an. Dass Frauengesundheit bis heute vielerorts als Nischenthema behandelt wird, obwohl sie die Hälfte der Bevölkerung betrifft, zeigt, wie tief die Versorgungslücken tatsächlich reichen.
Zum Frauengesundheitstag haben wir deshalb mit der Radiologin Dr. med. Chressen Regier und der Journalistin Hanne Seidl gesprochen. Gemeinsam haben sie die Plattform „Disco Östrogeni“ gegründet und setzen sich dafür ein, genau diese Missstände sichtbar zu machen – laut, verständlich und ohne medizinische Schönfärberei. Im Interview sprechen sie darüber, warum Frauen im Gesundheitssystem noch immer benachteiligt werden, weshalb Forschung und Versorgung hinterherhinken und was sich endlich ändern muss.
Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Defizite in der Frauengesundheit im deutschen Gesundheitssystem?
Definitiv beim Thema Prävention, der Versorgung von Frauen in den Wechseljahren und zum einen der Ausbildung der Ärzte in puncto Frauengesundheit, aber auch die Möglichkeit der Ärzte, dies sauber abzurechnen.
Warum werden Symptome bei Frauen aus Ihrer Sicht noch immer häufiger spät erkannt oder falsch eingeordnet?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen tendieren Frauen dazu, belastende Symptome lange klaglos hinzunehmen. Viele Symptome, wie zum Beispiel starke Regelschmerzen, gelten als „normal“ für Frauen. Diese Beschwerden werden dem Arzt daher häufig gar nicht geschildert. Gleichzeitig gibt es einen gewissen Bias unter den Ärzten, die Schilderungen von weiblichen Patienten zu bagatellisieren oder vorschnell als psychisch abzutun. Dazu kommt, dass insbesondere bei frauenspezifischen Krankheitsbildern die Ausbildung der Ärzteschaft nicht ausreichend ist.
Welche Rolle können digitale Versorgung und Telemedizin dabei spielen – und wo liegen gleichzeitig ihre Grenzen?
Sie senken die Hürde für eine Konsultation, beispielsweise auch für schambehaftete Themen und können die Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen vermindern. Wichtig ist aber dennoch die Anbindung an ärztliche Kollegen vor Ort, die wichtige Teile von Diagnostik und Behandlung wie die körperliche Untersuchung leisten können.
Warum ist die medizinische Forschung historisch so stark am männlichen Körper ausgerichtet – und was bedeutet das konkret für Diagnosen und Therapien bei Frauen heute?
Historisch galt der Mann in der Medizin als der „Standard“, während der weibliche Körper wegen seines komplexen Hormonzyklus als zu kompliziert für die Forschung galt. Man fürchtete, dass die natürlichen Hormonschwankungen die Studienergebnisse „verrauschen“ könnten, was die Auswertung teurer und aufwendiger gemacht hätte. Hinzu kamen massive Sicherheitsbedenken: Nach dem Contergan-Skandal wollte man ungeborenes Leben um jeden Preis schützen und schloss Frauen im gebärfähigen Alter konsequent aus Studien aus.
Das hat zur Folge, dass wir heute mit einem Gender Data Gap kämpfen: Viele Medikamente sind in ihrer Dosierung und Wirkung nicht optimal auf Frauen abgestimmt, was zu häufigeren Nebenwirkungen führt. Da Frauen physiologisch keine „kleinen Männer“ sind, sondern Wirkstoffe anders verarbeiten, werden Krankheiten wie ein Herzinfarkt oft zu spät erkannt, weil sie bei Frauen schlicht andere Symptome zeigen als im (männlichen) Lehrbuch. Echte medizinische Sicherheit entsteht also nicht durch den Ausschluss von Frauen, sondern durch Forschung, die ihre biologischen Eigenheiten ernst nimmt.
Inwiefern tragen gesellschaftliche Rollenbilder dazu bei, dass Beschwerden von Frauen häufiger bagatellisiert oder psychologisiert werden?
Gesellschaftliche Rollenbilder führen dazu, dass Frauen im Medizinsystem oft durch die Brille veralteter Klischees gesehen werden. Während Schmerz bei Männern meist als rein körperliches Warnsignal ernst genommen wird, neigen Fachkräfte bei Frauen dazu, Beschwerden schneller als „emotional“ oder „stressbedingt“ abzutun. Dieses Erbe der historischen „Hysterie“-Diagnose sorgt dafür, dass organische Ursachen hinter einer vermeintlichen psychischen Überlastung übersehen werden. In der Folge erhalten Frauen in Notaufnahmen statistisch seltener Schmerzmittel und kämpfen länger um korrekte Diagnosen, da ihre Symptome oft als Ausdruck von Empfindsamkeit bagatellisiert werden. Manchmal hilft nur noch Humor, auch auf diesem Weg greifen wir das Thema auf unserem Channel immer wieder auf.
Warum gibt es trotz wachsender Aufmerksamkeit noch immer so wenig spezialisierte Angebote für Themen wie Endometriose, Wechseljahre oder postnatale Gesundheit?
Zum Glück gibt es heute schon viele gute Angebote für diese Themen, allerdings scheitert es häufig an der Sichtbarkeit für betroffene Frauen. Nur selten werden Frauen, z.B. von ihren Ärzten, aktiv auf solche Angebote hingewiesen. Die Frauen, die sich weniger digital bewegen, sind häufig zu diesen Themen und Angeboten schlecht informiert. DiGA-Apps oder spezialisierte Angebote der Krankenkassen brauchen definitiv mehr Bühne und auch Frauen, die diese Angebote wirklich annehmen.
Welche Verantwortung tragen Politik und Institutionen wie der Gemeinsame Bundesausschuss oder das Bundesministerium für Gesundheit, um Versorgungslücken gezielt zu schließen?
Wir sehen das als Verantwortung auf allen Seiten – der Gesetzgeber und die Kassen müssen die Voraussetzungen und Möglichkeiten schaffen, Pharma, Ärzte, medizinisches Personal müssen es umsetzen und die Frauen müssen selbst auch aktiv sein, die Angebote nutzen und ihre Gesundheit auch ein Stück selbst in die Hand nehmen.
Warum werden frauenspezifische Gesundheitsfragen oft erst dann politisch relevant, wenn sie breite wirtschaftliche Auswirkungen haben?
Frauengesundheit gilt immer noch als Nischenthema, auch wenn es 50 % unserer Bevölkerung betrifft. Die wirtschaftliche Komponente ist gerade für die überwiegend männlichen Entscheidungsträger ein Signal, das sie verstehen. Feminismus von heute hat nichts mehr mit den Feministinnen der Achtziger Jahre zu tun, aber er ist nach wie vor wichtig, um die Benachteiligung von Frauen nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Faktoren anzugehen, sondern um wirklich etwas zu bewegen.
Was müsste sich strukturell ändern, damit Frauengesundheit nicht länger ein Nischenthema, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil medizinischer Versorgung wird?
Niedrigschwellige Angebote, verständliche, zielgruppengerechte Kommunikation, finanzielle Unterstützung seitens Politik und Kassen, aber auch mehr Bewusstsein jeder einzelnen Frau, die Gesundheit selbst aktiv zu unterstützen. Und nicht nur die ihrer Familie. Um die kümmern sich viele Frauen nämlich oft mehr als um das eigene Wohlergehen. Dass sich das ändert, dafür setzen wir uns jeden Tag ein.
Fotocredit: Marie-Therese Meusel
Frauen leben länger – und werden medizinisch trotzdem schlechter versorgt. Warum Symptome oft bagatellisiert, Krankheiten zu spät erkannt und Frauenkörper bis heute nicht ausreichend mitgedacht werden, darüber sprechen Dr. med. Chressen Regier und Hanne Seidl von „Disco Östrogeni“.
Noch immer orientiert sich ein großer Teil der Medizin am männlichen Körper als Standard. Die Folge? Frauen warten länger auf Diagnosen, ihre Beschwerden werden häufiger psychologisiert und viele Erkrankungen verlaufen unerkannt oder werden zu spät behandelt. Ob Endometriose, Wechseljahre oder Herzinfarkt – wer als Frau medizinische Hilfe sucht, muss oft erst beweisen, dass die eigenen Schmerzen überhaupt real sind.
Das Problem ist strukturell. Jahrzehntelang wurden Frauen in klinischen Studien unterrepräsentiert, frauenspezifische Beschwerden als „normal“ abgetan und Gesundheitsthemen, die Millionen betreffen, gesellschaftlich tabuisiert. Gleichzeitig kümmern sich Frauen oft um die Gesundheit aller anderen – und stellen die eigene hinten an. Dass Frauengesundheit bis heute vielerorts als Nischenthema behandelt wird, obwohl sie die Hälfte der Bevölkerung betrifft, zeigt, wie tief die Versorgungslücken tatsächlich reichen.
Zum Frauengesundheitstag haben wir deshalb mit der Radiologin Dr. med. Chressen Regier und der Journalistin Hanne Seidl gesprochen. Gemeinsam haben sie die Plattform „Disco Östrogeni“ gegründet und setzen sich dafür ein, genau diese Missstände sichtbar zu machen – laut, verständlich und ohne medizinische Schönfärberei. Im Interview sprechen sie darüber, warum Frauen im Gesundheitssystem noch immer benachteiligt werden, weshalb Forschung und Versorgung hinterherhinken und was sich endlich ändern muss.
Wo sehen Sie aktuell die größten strukturellen Defizite in der Frauengesundheit im deutschen Gesundheitssystem?
Definitiv beim Thema Prävention, der Versorgung von Frauen in den Wechseljahren und zum einen der Ausbildung der Ärzte in puncto Frauengesundheit, aber auch die Möglichkeit der Ärzte, dies sauber abzurechnen.
Warum werden Symptome bei Frauen aus Ihrer Sicht noch immer häufiger spät erkannt oder falsch eingeordnet?
Das hat mehrere Gründe. Zum einen tendieren Frauen dazu, belastende Symptome lange klaglos hinzunehmen. Viele Symptome, wie zum Beispiel starke Regelschmerzen, gelten als „normal“ für Frauen. Diese Beschwerden werden dem Arzt daher häufig gar nicht geschildert. Gleichzeitig gibt es einen gewissen Bias unter den Ärzten, die Schilderungen von weiblichen Patienten zu bagatellisieren oder vorschnell als psychisch abzutun. Dazu kommt, dass insbesondere bei frauenspezifischen Krankheitsbildern die Ausbildung der Ärzteschaft nicht ausreichend ist.
Welche Rolle können digitale Versorgung und Telemedizin dabei spielen – und wo liegen gleichzeitig ihre Grenzen?
Sie senken die Hürde für eine Konsultation, beispielsweise auch für schambehaftete Themen und können die Versorgungsengpässe in ländlichen Regionen vermindern. Wichtig ist aber dennoch die Anbindung an ärztliche Kollegen vor Ort, die wichtige Teile von Diagnostik und Behandlung wie die körperliche Untersuchung leisten können.
Warum ist die medizinische Forschung historisch so stark am männlichen Körper ausgerichtet – und was bedeutet das konkret für Diagnosen und Therapien bei Frauen heute?
Historisch galt der Mann in der Medizin als der „Standard“, während der weibliche Körper wegen seines komplexen Hormonzyklus als zu kompliziert für die Forschung galt. Man fürchtete, dass die natürlichen Hormonschwankungen die Studienergebnisse „verrauschen“ könnten, was die Auswertung teurer und aufwendiger gemacht hätte. Hinzu kamen massive Sicherheitsbedenken: Nach dem Contergan-Skandal wollte man ungeborenes Leben um jeden Preis schützen und schloss Frauen im gebärfähigen Alter konsequent aus Studien aus.
Das hat zur Folge, dass wir heute mit einem Gender Data Gap kämpfen: Viele Medikamente sind in ihrer Dosierung und Wirkung nicht optimal auf Frauen abgestimmt, was zu häufigeren Nebenwirkungen führt. Da Frauen physiologisch keine „kleinen Männer“ sind, sondern Wirkstoffe anders verarbeiten, werden Krankheiten wie ein Herzinfarkt oft zu spät erkannt, weil sie bei Frauen schlicht andere Symptome zeigen als im (männlichen) Lehrbuch. Echte medizinische Sicherheit entsteht also nicht durch den Ausschluss von Frauen, sondern durch Forschung, die ihre biologischen Eigenheiten ernst nimmt.
Inwiefern tragen gesellschaftliche Rollenbilder dazu bei, dass Beschwerden von Frauen häufiger bagatellisiert oder psychologisiert werden?
Gesellschaftliche Rollenbilder führen dazu, dass Frauen im Medizinsystem oft durch die Brille veralteter Klischees gesehen werden. Während Schmerz bei Männern meist als rein körperliches Warnsignal ernst genommen wird, neigen Fachkräfte bei Frauen dazu, Beschwerden schneller als „emotional“ oder „stressbedingt“ abzutun. Dieses Erbe der historischen „Hysterie“-Diagnose sorgt dafür, dass organische Ursachen hinter einer vermeintlichen psychischen Überlastung übersehen werden. In der Folge erhalten Frauen in Notaufnahmen statistisch seltener Schmerzmittel und kämpfen länger um korrekte Diagnosen, da ihre Symptome oft als Ausdruck von Empfindsamkeit bagatellisiert werden. Manchmal hilft nur noch Humor, auch auf diesem Weg greifen wir das Thema auf unserem Channel immer wieder auf.
Warum gibt es trotz wachsender Aufmerksamkeit noch immer so wenig spezialisierte Angebote für Themen wie Endometriose, Wechseljahre oder postnatale Gesundheit?
Zum Glück gibt es heute schon viele gute Angebote für diese Themen, allerdings scheitert es häufig an der Sichtbarkeit für betroffene Frauen. Nur selten werden Frauen, z.B. von ihren Ärzten, aktiv auf solche Angebote hingewiesen. Die Frauen, die sich weniger digital bewegen, sind häufig zu diesen Themen und Angeboten schlecht informiert. DiGA-Apps oder spezialisierte Angebote der Krankenkassen brauchen definitiv mehr Bühne und auch Frauen, die diese Angebote wirklich annehmen.
Welche Verantwortung tragen Politik und Institutionen wie der Gemeinsame Bundesausschuss oder das Bundesministerium für Gesundheit, um Versorgungslücken gezielt zu schließen?
Wir sehen das als Verantwortung auf allen Seiten – der Gesetzgeber und die Kassen müssen die Voraussetzungen und Möglichkeiten schaffen, Pharma, Ärzte, medizinisches Personal müssen es umsetzen und die Frauen müssen selbst auch aktiv sein, die Angebote nutzen und ihre Gesundheit auch ein Stück selbst in die Hand nehmen.
Warum werden frauenspezifische Gesundheitsfragen oft erst dann politisch relevant, wenn sie breite wirtschaftliche Auswirkungen haben?
Frauengesundheit gilt immer noch als Nischenthema, auch wenn es 50 % unserer Bevölkerung betrifft. Die wirtschaftliche Komponente ist gerade für die überwiegend männlichen Entscheidungsträger ein Signal, das sie verstehen. Feminismus von heute hat nichts mehr mit den Feministinnen der Achtziger Jahre zu tun, aber er ist nach wie vor wichtig, um die Benachteiligung von Frauen nicht nur aufgrund wirtschaftlicher Faktoren anzugehen, sondern um wirklich etwas zu bewegen.
Was müsste sich strukturell ändern, damit Frauengesundheit nicht länger ein Nischenthema, sondern ein selbstverständlicher Bestandteil medizinischer Versorgung wird?
Niedrigschwellige Angebote, verständliche, zielgruppengerechte Kommunikation, finanzielle Unterstützung seitens Politik und Kassen, aber auch mehr Bewusstsein jeder einzelnen Frau, die Gesundheit selbst aktiv zu unterstützen. Und nicht nur die ihrer Familie. Um die kümmern sich viele Frauen nämlich oft mehr als um das eigene Wohlergehen. Dass sich das ändert, dafür setzen wir uns jeden Tag ein.
Fotocredit: Marie-Therese Meusel