Vor ein paar Wochen fragte mich eine Bekannte, ob ich an einem Samstag bei ihrem Umzug helfen könne. In meinem Kopf liefen sofort die Bilder: schwitzende Menschen, schwere Kartons, Pizza in Pappschachteln. Alles in mir sagte Nein.
Was ich sagte: Klar, gern. Natürlich. Aber sicher.
Ich hörte meinen Rücken gleichzeitig schreien, meinen Kalender leise weinen und meine Couch flehen: Tu es nicht. Aber da ich besagte Freundin wirklich lange kenne, und deutlich länger, als wir uns Umzugsunternehmen leisten können, war der Reflex schneller als der Wille zur Ehrlichkeit. Ein Nein wäre wahr gewesen. Stattdessen kam ein so enthusiastisches Ja aus meinem Mund, als wäre Möbeltragen mein liebstes Wochenendvergnügen.
Warum fällt uns das Nein so schwer? Warum sagen wir Ja, obwohl wir es nicht zwangsläufig meinen? Die Antwort liegt nicht in Schwäche, sondern tiefer. Im Nervensystem, genau dort, wo sich unsere Biografie in Leben verwandelt.
Unser Gehirn fürchtet Ausgrenzung. Warum auch nicht? Menschen sind soziale Wesen. Für frühe Gemeinschaften war der Ausschluss aus der Gruppe lebensbedrohlich. Wer sich zu oft abgrenzte, stand allein da, und allein zu sein, bedeutete schutzlos ausgeliefert zu sein. Diese Urangst wirkt bis heute. Unser Gehirn registriert Ablehnung wie Gefahr und reagiert mit Stress. Also sagen wir Ja, um dazugehören zu dürfen, selbst wenn wir innerlich längst ausgestiegen sind.
Erschwerend dazu kommt, dass Jungen und Mädchen nicht mit denselben Botschaften aufwachsen. Jungen werden deutlich häufiger dazu ermutigt, sich abzugrenzen. Mädchen hingegen sollen freundlich sein, hilfsbereit und gerne auch anpassungsfähig. Studien zeigen, dass Frauen das Wort Nein oft mit Schuld und Schuldgefühlen verbinden, häufig auch, weil sie gelernt haben, dass Zustimmung Zuwendung bringt und Abgrenzung Distanz. So entsteht ein Muster, das viele ein Leben lang begleitet. Ein Nein fühlt sich wie ein Verrat an an dem Bild, das man von sich selbst hat.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist es zudem, dass, wer Nein sagt, verletzt. In Wahrheit ist das Gegenteil richtig. Ein Nein ist ein Ja zu dir selbst und genau das macht echte Nähe erst möglich. Beziehungen werden nicht durch Konflikt zerstört, sondern durch das stumme Gären unausgesprochener Grenzen. Ein echtes Nein hat die Kraft, genau das zu verhindern.
Wer seine Grenzen dauernd übergeht, lebt in einem Zustand stiller Erschöpfung. Die Symptome sind Unruhe, Gereiztheit, Schlaflosigkeit, diffuse Überforderung. People Pleasing, nennt sich das umgangsprachlich, das übermäßige Bedürfnis, gemocht zu werden, auch wenn es bedeutet, sich selbst zu übergehen. Das Problem ist nicht das einzelne Ja, sondern die Tatsache, dass das eigene Leben sich irgendwann nur noch wie ein Reagieren auf die Bedürfnisse andere anfühlt.
Ich habe selbst jahrelang sofort zugesagt. Ich war Meisterin der halbgaren Ausflüchte. Ich würde so gern, aber … Vielleicht später. Dahinter steckte Angst. Die Vorstellung, dass ein Nein mich weniger liebenswert machen könnte und dass ich jemanden enttäusche oder dass jemand geht.
Was blieb, war ein voller Kalender und ein leeres Gefühl. Die Tage verplant, aber nicht erfüllt. Ich war anwesend, aber nicht bei mir.
Die Veränderung kam langsam. Ich fing an, kleine Neins zu üben. Kein Treffen, auf das ich keine Lust hatte. Kein Projekt, das mir zu viel wurde. Anfangs fühlte es sich an wie Kontrollverlust. Ich war nervös, zögerlich. Aber nichts passierte. Die meisten reagierten mit Verständnis. Manche sogar mit Respekt.
Ich begriff, dass Nein sagen mich nicht entwertet. Es macht mich deutlicher. Klarer. Und Menschen, die das nicht aushalten, waren vielleicht nur deshalb so nah, weil ich keine Grenze gezogen hatte.
3 kleine Tipps:
Fang im Kleinen an. Trainiere dein Nein bei Dingen, die dich wenig kosten. Du stärkst damit dein Nervensystem, statt es ständig zu überfahren.
Ein Nein braucht keine Rechtfertigung. Du musst niemandem eine Erklärung liefern, um deine Grenze zu rechtfertigen. Höflich ja, aber nicht defensiv.
Jedes Nein enthält ein Ja zu dir, zu deiner Zeit und zu deiner Klarheit. Und das ist nichts Egoistisches. Das ist Fürsorge. Für dich und für alle, die dich ernst nehmen.
Quellen
Baumeister und Leary (1995): The Need to Belong
Heilman (2001): How Gender Stereotypes Prevent Women’s Ascent
Cloud und Townsend (1992): Boundaries
Vor ein paar Wochen fragte mich eine Bekannte, ob ich an einem Samstag bei ihrem Umzug helfen könne. In meinem Kopf liefen sofort die Bilder: schwitzende Menschen, schwere Kartons, Pizza in Pappschachteln. Alles in mir sagte Nein.
Was ich sagte: Klar, gern. Natürlich. Aber sicher.
Ich hörte meinen Rücken gleichzeitig schreien, meinen Kalender leise weinen und meine Couch flehen: Tu es nicht. Aber da ich besagte Freundin wirklich lange kenne, und deutlich länger, als wir uns Umzugsunternehmen leisten können, war der Reflex schneller als der Wille zur Ehrlichkeit. Ein Nein wäre wahr gewesen. Stattdessen kam ein so enthusiastisches Ja aus meinem Mund, als wäre Möbeltragen mein liebstes Wochenendvergnügen.
Warum fällt uns das Nein so schwer? Warum sagen wir Ja, obwohl wir es nicht zwangsläufig meinen? Die Antwort liegt nicht in Schwäche, sondern tiefer. Im Nervensystem, genau dort, wo sich unsere Biografie in Leben verwandelt.
Unser Gehirn fürchtet Ausgrenzung. Warum auch nicht? Menschen sind soziale Wesen. Für frühe Gemeinschaften war der Ausschluss aus der Gruppe lebensbedrohlich. Wer sich zu oft abgrenzte, stand allein da, und allein zu sein, bedeutete schutzlos ausgeliefert zu sein. Diese Urangst wirkt bis heute. Unser Gehirn registriert Ablehnung wie Gefahr und reagiert mit Stress. Also sagen wir Ja, um dazugehören zu dürfen, selbst wenn wir innerlich längst ausgestiegen sind.
Erschwerend dazu kommt, dass Jungen und Mädchen nicht mit denselben Botschaften aufwachsen. Jungen werden deutlich häufiger dazu ermutigt, sich abzugrenzen. Mädchen hingegen sollen freundlich sein, hilfsbereit und gerne auch anpassungsfähig. Studien zeigen, dass Frauen das Wort Nein oft mit Schuld und Schuldgefühlen verbinden, häufig auch, weil sie gelernt haben, dass Zustimmung Zuwendung bringt und Abgrenzung Distanz. So entsteht ein Muster, das viele ein Leben lang begleitet. Ein Nein fühlt sich wie ein Verrat an an dem Bild, das man von sich selbst hat.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist es zudem, dass, wer Nein sagt, verletzt. In Wahrheit ist das Gegenteil richtig. Ein Nein ist ein Ja zu dir selbst und genau das macht echte Nähe erst möglich. Beziehungen werden nicht durch Konflikt zerstört, sondern durch das stumme Gären unausgesprochener Grenzen. Ein echtes Nein hat die Kraft, genau das zu verhindern.
Wer seine Grenzen dauernd übergeht, lebt in einem Zustand stiller Erschöpfung. Die Symptome sind Unruhe, Gereiztheit, Schlaflosigkeit, diffuse Überforderung. People Pleasing, nennt sich das umgangsprachlich, das übermäßige Bedürfnis, gemocht zu werden, auch wenn es bedeutet, sich selbst zu übergehen. Das Problem ist nicht das einzelne Ja, sondern die Tatsache, dass das eigene Leben sich irgendwann nur noch wie ein Reagieren auf die Bedürfnisse andere anfühlt.
Ich habe selbst jahrelang sofort zugesagt. Ich war Meisterin der halbgaren Ausflüchte. Ich würde so gern, aber … Vielleicht später. Dahinter steckte Angst. Die Vorstellung, dass ein Nein mich weniger liebenswert machen könnte und dass ich jemanden enttäusche oder dass jemand geht.
Was blieb, war ein voller Kalender und ein leeres Gefühl. Die Tage verplant, aber nicht erfüllt. Ich war anwesend, aber nicht bei mir.
Die Veränderung kam langsam. Ich fing an, kleine Neins zu üben. Kein Treffen, auf das ich keine Lust hatte. Kein Projekt, das mir zu viel wurde. Anfangs fühlte es sich an wie Kontrollverlust. Ich war nervös, zögerlich. Aber nichts passierte. Die meisten reagierten mit Verständnis. Manche sogar mit Respekt.
Ich begriff, dass Nein sagen mich nicht entwertet. Es macht mich deutlicher. Klarer. Und Menschen, die das nicht aushalten, waren vielleicht nur deshalb so nah, weil ich keine Grenze gezogen hatte.
3 kleine Tipps:
Fang im Kleinen an. Trainiere dein Nein bei Dingen, die dich wenig kosten. Du stärkst damit dein Nervensystem, statt es ständig zu überfahren.
Ein Nein braucht keine Rechtfertigung. Du musst niemandem eine Erklärung liefern, um deine Grenze zu rechtfertigen. Höflich ja, aber nicht defensiv.
Jedes Nein enthält ein Ja zu dir, zu deiner Zeit und zu deiner Klarheit. Und das ist nichts Egoistisches. Das ist Fürsorge. Für dich und für alle, die dich ernst nehmen.
Quellen
Baumeister und Leary (1995): The Need to Belong
Heilman (2001): How Gender Stereotypes Prevent Women’s Ascent
Cloud und Townsend (1992): Boundaries